Im Rahmen des Programms des Frauenforums Baar zum Weltfrauentag und mit Förderung der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus „100 Köpfe der Demokratie“ stellte Prof. Dr. Wolfgang Müller-Commichau am Sonntag, den 15. März um 14.30 Uhr im Kelnhof-Museum die vom scheidenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann viel zitierte Hannah Arendt vor.
„Mut zum eigenen Denken“ – Großer Zuspruch für Vortragsveranstaltung – 70 Gäste im Kelnhof-Museum – Vortrag von Prof. Wolfgang Müller-Commichau regt intensive Diskussion über Demokratie, Extremismus und politische Verantwortung an.

Auf großes Interesse stieß die Veranstaltung des Frauenforums Baar zu Leben und Werk der politischen Theoretikerin Hannah Arendt. Rund 70 Gäste waren ins Kelnhof-Museum nach Bräunlingen gekommen, um den Vortrag von Prof. Wolfgang Müller-Commichau aus Heidelberg zu hören und mitzudiskutieren. Der Arendt-Experte wurde von der Bundespräsident Theodor-Heuss-Stiftung vermittelt und das Honorar über das Programm „100 Köpfe der Demokratie“ finanziert.
Zu Beginn zeichnete der Referent die biografischen Stationen der 1906 geborenen deutsch-jüdischen Philosophin nach. Arendt musste 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen, lebte zunächst in Frankreich und emigrierte schließlich in die USA. Die Erfahrung von Verfolgung und Exil sowie die Auseinandersetzung mit Totalitarismus und Antisemitismus prägten ihr politisches Denken nachhaltig.
Im weiteren Verlauf entwickelte sich die Veranstaltung zunehmend zu einem dialogischen Austausch. Viele Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen – sowohl zur Person Hannah Arendts als auch zu ihren politischen Theorien. Deutlich wurde dabei, dass von Arendts Persönlichkeit bis heute eine starke Wirkung ausgeht. Als Frau, Jüdin und Überlebende der Verfolgung durch das NS-Regime verkörpere sie eine moralische Autorität und zugleich eine beeindruckende intellektuelle Unabhängigkeit, so Müller-Commichau.
Bereits in einem vorangegangenen Interview hatte der Referent erläutert, warum Hannah Arendt bis heute relevant ist. Auf die Frage, was Arendt mit unserer Gegenwart zu tun habe, antwortete er: „Sie fordert uns dazu auf, mutig zu sein und eigene Positionen zu wagen.“
Zentral für Arendts Denken sei der von ihr geprägte Ausdruck des „Denkens ohne Geländer“. Gemeint sei damit die Freiheit des Denkens, ohne sich vorschnell an Ideologien oder vorgefertigte Meinungen anzulehnen. „Es geht nicht darum, Mehrheiten zu suchen, sondern Widersprüche auszuhalten und sich mit ihnen auseinanderzusetzen“, so Müller-Commichau.
Auch für politische Entscheidungsprozesse könne dies eine wichtige Orientierung sein. Regierungsarbeit bedeute nicht Gleichmacherei. Unterschiedliche Positionen müssten offen diskutiert und politische Entscheidungen immer wieder auf ihren Nutzen für die Gesellschaft hin befragt werden.
Mit Blick auf das Erstarken radikaler politischer Strömungen betonte der Referent, Hannah Arendt hätte zunächst versucht, eine Sprache zu finden, die Menschen erreicht und im Gespräch hält. Andere Meinungen müssten ernst genommen werden, um überhaupt in einen Dialog zu kommen. Gleichzeitig habe Arendt klar benannt, wenn Grenzen überschritten würden. „Sie hätte sich nicht von Sprache einlullen lassen, sondern deutlich gemacht, wenn etwas unmenschlich ist“, sagte Müller-Commichau. Antisemitismus habe sie stets entschieden zur Sprache gebracht.
Auch für feministische Debatten biete Arendts Denken wichtige Impulse. Sie habe gezeigt, dass Frauen selbstverständlich als eigenständige politische Denkerinnen auftreten können – nicht nur als Vertreterinnen eines bestimmten Geschlechts, sondern als Stimmen im öffentlichen Raum. „Arendt hat darauf bestanden, dass Frauen ebenso wie Männer Verantwortung für die Welt übernehmen und sich in politische Diskussionen einmischen.“
Die lebhafte Diskussion im Anschluss an den Vortrag zeigte, dass Hannah Arendts Gedanken auch Jahrzehnte nach ihrem Tod nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Es konnte eine tolle Spendensumme für das Frauenhaus in Villingen-Schwenningen eingesammelt werden.

Das digitale Programm „100 Köpfe der Demokratie“ ist ein innovatives Konzept zur Vermittlung von Demokratiegeschichte. Es stellt 100 Frauen und Männer, die in Deutschland für die Demokratie gestritten, sie geprägt und gestaltet haben, in Kurzbiographien vor. Die Plattform bietet keinen abgeschlossenen Kanon, sondern wird in einem dynamischen Prozess ständig erweitert und umgeschrieben – ähnlich wie die Demokratie selbst. Das Projekt wurde von der AG „Orte der Demokratiegeschichte“ initiiert und von der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus entwickelt. www.demokratie-geschichte.de/koepfe

